: Studienfahrt nach Prag

Die Oberstufen der Höheren Handelsschule unsers Berufskollegs führen mehrtägige Fahrten durch.
Im Jahr 2006 nahmen von den fünf Parallelklassen zwei Klassen an einer Skifreizeit, drei an der Studienreise nach Prag und interessierte Schülerrinnen und Schüler mit der zweiten Fremdsprache Französisch an einem Schüleraustausch teil.
Über die Fahrt nach Prag (Praha) soll ein kleiner Einblick gegeben werden. Dazu sei betont, dass wir hier keine Geschichte darstellen, sondern Geschichten über unsere Vorbereitungen, Durchführung, Eindrücke und Erlebnisse (bebildert) erzählen wollen. Möglicherweise ergeben sich für andere daraus Anregungen und Informationen.

Kosten 220€ pro Teilnehmer für Bustransfer, Bus vor Ort, Unterkunft incl. Frühstück und Abendessen, Reiseführung, Eintritte

Ein "Wetterbericht"

©Frank Christ

13. März 2006. Herr Klima in Prag ist besorgt.


Weiß ist die eine Hälfte. Mitunter füllte diese Nichtfarbe auch das Ganze. Sie verweht den Weg nach dem Grenzübertritt. Vom Obergeschoss des Busses lassen sich Häuser hinter und unter dieser weißen Pracht nur erahnen. Chaosnachrichten, zu Hause nur Anlass zur Neugier, könnten zur Realität einer um Stunden verlängerten Reise werden.
Die Stadtflagge Prags grüßt um 16:45 Uhr nach fast neunstündiger Fahrt ein Willkommen. Wenn der Schnee sich auch auf wenige Zentimeter Höhe reduziert, der Winter hat sich auch in der Stadt an der Moldau nicht verabschiedet. Obgleich: das Klima gilt als gemäßigt!

Klima, pardon, Herr Klima, unser tschechischer Reisebegleiter, kommt eine halbe Stunde zu spät. Er wohnt auch nicht im Hotel Diplomat. Auch gibt er sich nicht gemäßigt. Herr Klima ist kahlköpfig. Seine Strickmütze ziert ein weiß-rotes Flaggensymbol. Herr Klima bittet "Seine Freunde", wie er uns in den nächsten Tagen nennen wird, um Entschuldigung für sein Zuspätkommen.
Herr Klima wechselt Geld zu akzeptablem Kurs. Herr Klima redet schnell, viel und bleibt stets einen Schritt vor seiner Verbindlichkeit unverbindlich. Herr Klima kümmert sich besorgt um unser Wohlergehen. Herr Klima fühlt sich für alles verantwortlich. Sogar für die obszöne Szene in dem neben uns fahrenden blauen Kombi, die in der Heimatpresse als: "zeigte sich in unsittlicher Weise" apostrophiert würde. Verlegen lächelnd bittet Herr Klima um Entschuldigung, nicht alle Tschechen benähmen sich so unflätig.

Silke fühlt sich zu sehr umsorgt und sagt das auch. Herr Klima respektiert das, wird aber in den folgenden Tagen nicht seine Versuche aufgeben, uns unbedingt seine Restaurantvorschläge zu unterbreiten. Herr Klima weiß ganz sicher, was uns am Abendtisch erwartet. Nach der Zimmerbelegung im 15-ten und 16-ten Stock denken wir schon toleranter. Das Angebot, mit Herrn Klima noch am Ankunftsabend die Gaststadt zu erkunden, wird einstimmig abge-lehnt. Wir bereuen das später. Herr Klima hat unerwartet früh Feierabend.

14. März 2006. Herr Klima zeigt einer Gruppe die Moldaustadt.

Die Verantwortlichen sagen, dass 09:30 pünktlich und 09:31 unpünktlich ist. Die Gruppe ist pünktlich. Und das, obwohl manche das Bett nur zwei Stunden wärmten.

Den Doppelstock lenkt Stefan souverän. Dirigiert von der Gestik des Herrn Klima. Der kann das, was eigentlich nur Frauen können, nämlich zwei Dinge zeitgleich zu koordinieren. Herr Klima lenkt nämlich auch gleichzeitig Blick und Gedanken der Gruppe: Museum - Wenzelsplatz - Karlsbrücke - Nepomuk - Klassizismus - Jugendstil - Weltuhr - Kafka - erste Universität - Uraufführung des Don Giovanni - einziges kubistisches Caféhaus - Platz der Republik ziehen erklärt an uns vorbei. Herr Klima studierte Kunstgeschichte. Als gelerntem Buchhändler boten sich nur Aufstiegschancen durch Parteigehorsam oder Studium.

Durchgefroren und gebildet genießen wir Kaffee und Kuchen im empfohlenen Kaffeehaus, oder auch nicht.

15. März 2006. Herr Klima muss auf aufmerksame Zuhörer verzichten.

Wie stark beeinflusst Klima das Wohlbefinden? Die Frage lässt sich auch nach intensiven Untersuchungen am Morgen durch die Hospitalärztin nicht eindeutig beantworten. Sie beklagt sich über das kalte Klima. Auf jeden Fall muss der Gleichnamige bei seinem interessanten Vortrag über die Baukultur und Geschichte der Prager Burg und den St.-Veits-Dom auf drei "Liebe Freunde" verzichten. Zwei "Liebe Freunde", einer wird noch am Abend den Zug nach Deutschland nutzen, bleiben schließlich den ganzen Tag wegen Unpässlichkeit von der Bildung ausgeschlossen. Der dritte "Liebe Freund" hastet nach dem Klinikbesuch der Gruppe nach - zum zweiten Teil des Tagesprogramms, was zu einer klimatischen Kapriole führt.

Ohne weitere klimatische Begleitung müssen Chrom, PS und Kanban ihre Wirkung erzeugen. Sie können kein gleichwertiger Ersatz sein, die fünf Werksführer, trotz besten Bemühens. Da hilft es auch nicht, den Nationalstolz mit dem Hinweis zu bemühen, der Aufstieg zum Meister sei nur mit Deutschkenntnissen zu machen. Was für sich spricht, wird uns Herr Klima am nächsten Tag nachreichen. Skoda ist nicht nur ein Firmenname sondern bedeutet auch "schade".

16. März 2006. Herr Klima bietet schwere und leichte Kost.


Herr Klima bereitet in seinem einstündigen Vortrag über die wechselvolle tschechische Ge-schichte die Eindrücke deutscher Greueltaten im Internierungslager Theresienstadt sorgsam vor. Sensibel weist er auf die Unmenschlichkeit unterschiedlichster Regime hin und auf das Leid vertriebener Sudetendeutscher. Nebenbei erfahren wir etwas über kommunistische Verfolgung der eigenen Familie Klima in den Zeiten, in denen nicht einmal der Wetterbericht schlechtes Klima aus dem Osten vermelden durfte.

Zahlen, Fakten, geschichtliche Zusammenhänge, Herr Klima wird nicht müde, die wachen oder schlafenden "Lieben Freunde" an seinem fundierten und detaillierten Wissen teilhaben zu lassen.
Das bezieht den günstigen Wechselkurs mit 0 % Gebühr vor den Toren des Internierungslagers mit ein. Die Devise, "erst kommt das Fressen, dann die Moral", führt bei dem Andrang auf den Holzbudentresor zu erheblicher Verzögerung des Zeitablaufes.
Die erschütternden Impressionen dieses Gefängnisses erhalten durch den Nazipropagandafilm über Theresienstadt mit eingestreuten Zeichnungen der Häftlinge einen aufrüttelnden Abschluss.

Herr Klima empfängt uns am Doppelstock. Sein Versprechen auf einen unbelasteten Neube-ginn nehmen wir dankbar an. Im gotischen Gewölbe des Salva Guarda in Litomerice reicht man uns das typische Hochzeitsessen der Region. Kartoffelsuppe, Sauerbraten mit böhmischen Semmel(n)knödel(n) und Gemüsesauce und Honigkuchen als Dessert finden ein nicht ungeteiltes, tendenziell aber ein eher positives Echo. Herr Klima verzichtete mit Rücksicht auf die mehrheitlich untrainierten Gaumen auf eine noch landestypischere Menüfolge. Er ser-viert sie uns rückwirkend auf dem Asiamarkt bei der Rückkehr in Praha. Das Angebot wird skeptisch angenommen. Geschäftig verschwindet Herr Klima aus unserem Blickfeld. Vorher haben wir ihm mit einer Mütze voller Dankesheller unsere Anerkennung für seine Dienste gezollt.

Im Hotel sorgt sich Herr Klima ein letztes Mal um unser Wohl. Der ordentlich gelöschte Kerzenstummel im Zimmer 1502 hat zur Eintrittssperre für das nicht verantwortliche Lehrerteam geführt. Bei 19 Stockwerken ein lässliches Versehen. Klima, pardon, Herr Klima sagt im Gehen "Ahoi" bis zum nächsten Mal in der Moldaustadt oder irgendwo sonst auf der Welt. Das kalte Klima hat die Moldaustadt noch immer im Griff.

17. März 2006. Wir sind in Praha alleingelassen.


Schlechter Ausblick vom 16-ten Stockwerk. Das liegt nicht nur an den Fenstern, die schon lange keinen Putzlappen gesehen haben. Niederschlag in weiß begleitet diejenigen, die sich heute verlassen in der Stadt bewegen. Aber Klimas Einfluss leitet uns: an den verbunkerten Gebäuden der Ambassadeure entlang in die Präsidentenresidenz und den Dom. Dann durch die "Goldene Gasse" mit dem an Kafka erinnernden Buchlädchen, an der wechselnden Garde vorbei in das wärmende kleine Cafè mit der heißen Schokolade.
Nach Besuch des Judenviertels hellt der Himmel endlich auf. Vom Turm des Rathauses, die Weltuhr mit den stündlich paradierenden Aposteln ist ein Touristenmagnet, zeigt die Goldene Stadt, dass sie ihren Namen verdient. Wir finden auch das Pinkous, lesen aber nur die vielversprechende Speisekarte. Verzeihung, Herr Klima, aber vielleicht gibt es ja ein nächstes Mal mit den "Lieben Freunden".

Auf dem Wenzelsplatz vor der großen Reiterstatue erinnert die kleine Gedenktafel mit verblassender Schrift an die "Opfer im Kampf gegen den Kommunismus". Hier verbrannte sich 1969 aus Protest der Student Jan Palach. Die Metro bringt uns schließlich erschöpft zur Station "Opatov". Die "Twins" ragen in den grauen Himmel.

18. März 2006. Der Tag wird vor dem Abend gelobt.


Ausgang bis 02:00 Uhr. "Crash" heißt der Zielpunkt. Dokumentation der Rückkehr in der Anwesenheitsliste. Bisher lief es, soweit sicht- und überprüfbar, reibungslos. Der Handy-Wecker zeigt sich nach vielen erfolglosen Versuchen gnädig und nimmt die Zeiteingabe an.

Kurz vor Mitternacht: die Liste ist brautweiß, blütenweiß, schneeweiß. Dunkle Wolken ziehen auf. Im Foyer leisten die beiden jungen Frauen der Spätschicht und der Nachtwächter ihren Dienst. Die Bar schließt um 01:55 Uhr. Zwanzig Minuten sind lange Minuten des Wartens. Die Gruppe ist nicht vollzählig. Eine Gewitternacht droht. Die letzten Rückkehrer vor der Sperrstunde versuchen Handyverbindungen mit den Fehlenden aufzubauen. Vergeblich. Unruhe kommt auf. Kann man um diese Zeit die Zeit vergessen? Man kann - vorgeblich. Silke und Sandra treiben die Verschwundenen auf und ein. Bei Sandra braut sich inzwischen Unwetter zusammen. Nur Zureden verhindert einen Wettersturz. Ein Zwischenhoch um 03:30 Uhr: Alle sind im/am Bett.

Der Morgen läuft in geordneter Bahn. Einige haben in ihrer Unterkunft offensichtlich noch einen Orkan abgewettert. Trotzdem zahlt die Hostesse die Kaution in voller Höhe zurück. Wir fahren und versprechen Sandra, sie nicht allein an der Grenze zurück zu lassen. Ihr Pass findet sich dann doch noch wieder. Dafür werden zwei Dokumente unserer Visapflichtigen am Grenzübergang zwecks intensiver Kontrolle eingezogen. Danach setzt der ungehemmte Telefonverkehr ein. Wir sind in Deutschland. Eine Wetterkarte daraus abzuleiten ist wegen des wieder einsetzenden Komas nicht möglich. Immerhin setzt Tauwetter ein.
Der Himmel zeigt sein Azurblau bei +4°C. Um 19:00 Uhr verlassen auch die letzten Heimkehrer den Parkplatz der geliebten heimatlichen Bildungsstätte, in der uns Montag wieder die Routine einfängt. Praha war eine Reise wert. 

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